Geheimnisvolle Ruhe in Masuren
Die
geheimnisvolle Ruhe strahlt tiefe Zufriedenheit aus. Im unendlichen
Blätterwald spiegelt rundherum im artenreichen Grün das Licht des
Frühsommers. Dabei ist die Schönheit Balsam für die Seele. Sie speichert
den charaktervollen Wuchs der Baum-Individuen, die Vielfalt und
Unregelmäßigkeit der natürlichen Schöpfung. Züchtete man doch Anfang des
20. Jahrhunderts in diesem großen Gutsgarten mit Erfolg Südfrüchte,
unter anderem Feigen.
Ohne
es zu merken, hat sich der stahlblaue Himmel verdunkelt, ziehen schwere
Wolken auf und der Lampasz-See hat sich schwarz eingefärbt. Dicke
Sommer-Regentropfen unterbrechen jäh die Ruhe und zwingen zum schnellen
Rückzug. Nur ein paar Schritte ins Gutshaus. Im herrschaftlichen
Kaminzimmer lohnt nicht mal das Lesen einer Zeitung, denn im Nu sind die
Wolken vertrieben und die Sonne lockt wieder hinaus.
Albert
von Klitzing hat dieses, damals verfallene ostpreußische Gutshaus in
Jedrychowo, früher Heinrichshöfen, vor dem endgültigen Verfall gerettet.
Dabei gehörte der Gutshof mit etwa 600 ha Land zum benachbarten
Großgrundbesitz Sorquitten und wurde als Rittergut 1379 erstmals
erwähnt. Von Klitzings Familie flüchtete 1945 aus diesem Gebiet vor der
heranrückenden Roten Armee. Stolz auf die Heimat seiner Vorfahren kam er
vierzig Jahre später wieder zurück und sah dieses Traum-Anwesen
zwischen Allenstein und Sensburg, und blieb. Seine Familie verstand den
damals 70-jährigen nicht, als Jungunternehmer ein Hotel mit Restaurant
in diesem Trümmerhaufen zu schaffen. Und er hat durchgehalten, hat es
allen gezeigt, ist heute 82 Jahre alt und stolz auf sein Lebenswerk.
Geduldig wartet derweil Stanislaw mit seiner kleinen Kutsche auf dem herrschaftlichen Anwesen. Und so geht
es
dann nach gutem Essen unter großem Kreischen in kleinen Vierergruppen
zu Rundfahrten über buckelige Hügel und holprige Wege, die oft unter
endlos langen Baldachinen dichter Baumkronen verlaufen. Entstanden ist
diese hügelige Landschaft im Nordosten von Polen, so erfährt der
interessierte Zuhörer, in der letzten Eiszeit, als Gletscher
Gesteinsmassen vor sich her schoben. In ihren sanften Tälern sammelte
sich das Schmelzwasser. Und so zählt man heute in der anmutig gewellten
Landschaft mehr als 3300 Seen, die oft perlenförmig aneinander gereiht
und durch schmale Kanäle miteinander verbunden sind. Ab und an dreht
sich Stanislaw von seinem Kutscherbock nach hinten, erzählt kleine
Geschichten, die das karge Leben hier im Laufe der Jahrzehnte schrieb
und ist traurig über die vielen verwilderten Felder, die heute niemand
mehr bestellen will, weil das Getreide billiger aus Deutschland oder
Holland importiert wird.
Auch
Stanislaw wohnt mit seiner kranken Frau Maria, Sohn und
Schwiegertochter auf einem solchen Hügel zwischen den Seen. Da hat er
einen kleinen, archaischen Bauernhof mit 10 ha Land. Ist mit 3 Kühen, 2
Pferden, 6 Schweinen, 50 Küken und 15 Hühnern zum Eierlegen autark. Sein
kleiner Gemüsegarten wird von Schwiegertochter Theresa bewirtschaftet,
die auch das Essen zubereitet. Und so steht auch an diesem Tag das von
ihr vorbereitete Essen auf dem blankpolierten Holzherd. Stanislaw selbst
arbeitet lieber in seiner kleinen Werkstatt oder schmeißt die
Transmissionswelle auf einen imposant alten Motor, der die in einiger
Entfernung stehende Schrotmühle antreibt, um mit einem Höllenlärm Hafer,
Gerste und Buchweizen für Grütze zu mahlen. 47 Jahre wohnt er nun schon
hier. Hat damals in Piasecznia, gut 100 Kilometer von hier Richtung
Warschau, keine berufliche Perspektive gehabt und gehört, dass in
Masuren Höfe frei waren. Alles, was er besaß, hat er mitgenommen und hat
es bis heute nicht bereut. Für ihn war es damals ein freudiger
Neuanfang, für die vertriebenen Deutschen ein Stück versunkener
Geschichte. Und seine Augen strahlen, wenn er davon spricht, dass ihm
vielleicht seine kürzlich begonnenen Kutschfahrten demnächst ein paar
Zloty Zubrot einbringen könnten. Und das nicht nur von Vertriebenen, die
heute als Touristen kommen und für die keine andere Landschaft solche
Gefühle und Erinnerungen wecken. Da freut er sich auch über kreischende
Amerikanische Gäste.
Gerd Krauskopf
Infos
Einreise: Am günstigsten von Köln/Bonn nach Warschau. Pro Person hin/Rückflug zahlten wir pro Person unter 100 €.
Weiterreise: Mietwagen
sehr teuer. Für 16 Tage ca. 640 € incl. aller Versicherungen. Bis nach
Jedrychowo mitten in den Masuren sind es gut 240 Kilometer (4,5 Std).
Gute Straßen. Achtung: Viele Radarfallen! Bei der Rückfahrt ist in
Warschau der Flughafen nicht ausgeschildert!
Unterkunft: Viele
schöne Bürgerhäuser, Paläste und Schlösser zeichnen sich durch
romantisches Ambiente aus. Preiswerte Pensionen sind überall zu
bekommen.
Wir haben stilvoll in einem renovierten Gutshaus in Jedrychowo, Sorkwity, gewohnt.
Gesundheit: Schutzimpfung gegen Zecken wird empfohlen.
Geld: Geldautomaten für EC-Karten findet man an fast jeder Bank.
Masurische Landpartie: Das
Land der tausend Seen (3312 ohne die kleinen Tümpel) und Wälder ist
geografisch nicht genau festgelegt. Das Herz bildet die große Seenplatte
bei Nikolaiken (Mikolajki). Hübsche, lebendig kleine Orte überall mit
interessanten Ordensburgen.
Sportliches Highlight: Eine
Paddeltour auf der Krutynia. Man bestimmt den Ort beim Bootsvermieter
und wird am Ende der Tour abgeholt. Aber auch eine Fahrt auf dem
buchtenreichen, verschilften Lampasz-See empfiehlt sich. Motorboote sind
untersagt auf den meisten Seen.
Kutschfahrten: Macht zum Beispiel Stanislaw Deptula, Jedrychowo 26, 11-731 Sorkwity.
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