Vorfrühlingshafte
Ruhe und Natur
im lieblichen Tal der Lahn

Friedas Haar ist pinkfarbig besprüht. Das hat Tim extra gemacht, denn
er möchte nicht, dass seine Frieda, wenn sie mal durch den Wald
streift, von Jägern auf's Korn genommen wird.

Diese
Aussage quittiert Frieda mit einem zufriedenen, neugierigen Grunzen.
Schließlich lebt sie, die zahme Wildsau, schon weit über einem Jahr auf
Schloss Schaumburg und fühlt sich hier pudelwohl.
Dabei stehen wir inmitten uraltem Gemäuer, dessen Geschichte
urkundlich 1197 begann und die doch so wechselvoll war. Nach dem die
mächtig stolzen Mauern mehrmals die blaublütigen Besitzer gewechselt hat
und zuletzt von einem skrupellosen Eigentümer ausgeplündert worden ist,
wären die stolzen Mauern fast zu einem 5-Sterne-Golfhotel gekürt
worden. Nur hat man den Golfplatz nicht genehmigt. Und als man ihn dann
nach großem Gezänk doch noch genehmigt hat, kam die letzte
Wirtschaftskrise und die Investoren zogen davon.
Und jetzt steht Tim, Mädchen für alles wie er lächelnd meint, neben
mir und Frieda mit einigen Handwerkern im Schlosshof, gibt ihnen kurze
Anweisungen und begibt sich dann zur Fütterung seiner Tiere.
Wir fahren weiter durchs wunderschöne Lahntal, in dem noch alles ist
wie früher. Oft bin ich schon auf diesen Spuren gewandelt, fast nichts
hat sich verändert. Die Straßen sind jetzt im Vorfrühling gerade in den
kleinen Dörfern wie Balduinstein völlig ausgestorben. Außer den
Fahrzeugen, die ab und an durch diesen einen Ort fahren, ist kein Mensch
auf der Straße. Lediglich ein übergroßes Schwarzweißfoto einer

jungen
hübschen Frau im Bikini am Schlagzeug ist in einem Schaufenster von
Interesse. Sie weist darauf hin, dass am Wochenende der kleine Ort Kopf
stehen wird. Dann nämlich, wenn „Rock auf der Burg" angesagt ist. 7
Gruppen lassen in unterschiedlichsten Spielarten von Blues bis Hardrock
das alte Gemäuer erzittern. Und so mancher Alteingesessene wird sich
dann wohl an diesem Wochenende verwirrt die Augen reiben, was da wohl
plötzlich in seinem kleinen Ort los ist.
Aber für uns ist jetzt alles wie früher. Lediglich die kleinen
Krötenzäunchen auf den Landstraßen hat es früher nicht gegeben.
Ansonsten lockt der verwunschene Landstrich in der Mitte Deutschlands
mit den beiden Bundesländern Rheinland Pfalz und Hessen mit romantischen
Fachwerkstädtchen, alten Schlössern und Burgen sowie kulinarischen
Höhenflügen.

Wie
bei uns in der Jugendstilvilla Oranien, in der wir uns hoch über Diez
für drei Tage eingemietet haben. Da werden uns wahre Köstlichkeiten in
stattlichen Portionen stielvoll im holzgetäfelten Speisezimmer serviert.
Dabei kann sich das Auge an dem guten Interieur nicht satt sehen. Die
geschliffenen Scheiben in den Einbauschränken, der sauber restaurierte
Deckenstuck, all das zeugt von einer feinen Vergangenheit, die bis ins
Frühjahr 1879 zurück reicht. So hatte der damalige Landrat Joseph
Rolshoven dieses herrschaftliche Haus für sich und seine Frau Marie
gebaut, was er aber bereits zwei Jahre später durch seine Berufung an
die Königliche Regierung nach Stralsund wieder verkaufen musste. Viel
später, nach Beendigung des 2. Weltkrieges jagten die US-Truppen den
vornehmen nationalsozialistischen Landrat aus dem Haus und inhaftierten
ihn in einem Internierungslager. Dreieinhalb Monate später rückten die
französischen Besatzungstruppen nach und nutzten es als „Delegues du
Cercle d'Unterlahn", dem Kreisdelegierten und Administratorenhaus. Ab
1954 unterzogen sich Gäste hier in diesem Haus einer erfolgreichen Kur
nach den Methoden des Lehnpastors Felke. Und 1997 eröffnete man dann
nach aufwendiger Renovierung das heutige Hotel „Oranien".

Wir
sind wieder unterwegs und genießen die ersten wunderbar warmen
Frühlingstage im lieblichen Tal der Lahn bei Runkel. Auf den Höhenrücken
ist es jetzt noch an ungeschützten Stellen recht zugig, aber das
ignorieren wir schlichtweg. Schließlich war der Winter lang mit riesigen
Mengen an Schnee und Eis.

Im
benachbarten Limburg schlendern wir durch die Altstadt. Hier trennen
sich für kurze Zeit unsere Wege. Während sich meine Frau fürs Shoppen
Zeit nimmt, steige ich durch die wunderbar alten Gassen hinauf

zum
Dom, der großartig französische Frühgotik mit rheinischer Spätromantik
vereint, was ihn auf den damaligen 1000-Mark-Schein gebracht hat.
Im Dom selber staune ich über die feinen Fresken, die bei
Restaurierungsarbeiten freigelegt worden sind. Aber auch das in Trier
980 gefertigte Petrusstab-Reliquiar und die kostbare Staurothek, ein
Goldschmiedereliquiare byzantinischer Herkunft, die Ritter Heinrich von
Ulmen auf seinem 4. Kreuzzug mit nach Hause brachte.
Andächtig verlasse ich durch die mächtig schwere Holztüre das
geweihte Haus und wende mich den mittelalterlichen Fachwerkhäusern zu.
Da gehe ich an einem der ältesten freistehenden Häuser Deutschlands, dem
Haus Römer 2-4-6, zwar staunend vorbei, hätte mich hier nicht eine
freundliche, ältere Dame auf das vor gut 15 Jahren freigelegte jüdische
Kultbad aufmerksam gemacht.
Nur einen Steinwurf weiter

in
dem kleinen Laden von Andreas Unkelbach mit seinen feinen Weinen fällt
mir die schöne alte Waage auf, die ich als Kind in allen Geschäften bei
mir zu Hause gekannt habe. Und so kommen wir ins Gespräch und plaudern
über Gott und die Welt.

Bevor
ich jedoch seinen kleinen Laden verlasse, gibt er mir noch einen
kleinen Tipp mit auf den Weg und schickt mich in die Brückengasse zu den
geschnitzten, lustigen Balkenköpfen, die die sieben Hauptlaster des
Christentums darstellen. „Hoffart, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Zorn,
Trägheit und Völlerei," so lächelt er bei meinem Abschied, würde ich auf
dieser Fachwerkwand finden.
Am nächsten Tag stehen wir, gut ausgeschlafen und königlich
gefrühstückt, vor der alten Lahnbrücke in Diez. Da wir mittlerweile
gewohnt sind, dass überall alles wie früher ist, sind wir jetzt
erstaunt darüber, dass das alte Schätzchen wegen Renovierungsarbeiten
geschlossen ist. Und so spazieren wir an der Lahn entlang. Dabei kommen
alte Erinnerungen auf an eine Kanutour, die vor vielen Jahren hier
begann. Während wir damals das Paddeln auf dem Rhein lieber den Profis
überlassen haben,

entschieden
wir uns für das liebliche Lahntal. Was auch noch aus heutiger Sicht die
richtige Entscheidung war. So läuft noch einmal der alte Film vor Augen
ab. Mit der kurzen Einweisung, die wir von Bootsvermieter Karl Danner
erhielten, wie das Paddel zu halten und das Boot zu steuern war, ging's
dann auch schon schnell los. Los, in eine ursprüngliche Landschaft mit
steil abfallenden, bewaldeten Berghängen und saftig grünen Feldern. Wir
sprechen darüber, wie wir uns damals haben treiben lassen – unter
Brücken hindurch und an malerischen schiefergedeckten Häusern vorbei.
Vom Wasser aus, und da waren wir uns seinerzeit einig, präsentiert sich
die Gegend ganz anders als von der Straße. Das können wir jetzt noch mal
wieder bestätigen. Seinerzeit haben wir alles noch viel sanfter, noch
viel ruhiger und romantischer gesehen. Dazu kommen die weißen
Wolkenfetzen vor dem tiefblauen Himmel, die sich im Wasser spiegelten.
Erholung pur war es damals.
Da kommen aber auch alte Erinnerungen an die Schleusen. So waren sie
nicht nur nützlich, sondern auch höchst kommunikativ. Dort warteten
bereits meist Gleichgesinnte, um sich unter großem Spaß absenken zu
lassen und um weniger erfahrene Paddler wie uns mit Rat und Tat zur
Seite zu stehen, damit keiner unfreiwillig baden ging.
Damals haben wir uns Gedanken darüber gemacht, ob wir bis Laurenburg,
Bad Ems oder gar bis Lahnstein paddeln sollten, was lahnabwärts auch
für weniger gestählte Naturen nicht einmal eine Frage der Kondition ist,
sondern nur eine Frage der Zeit. Denn die bleibt unterwegs öfter
stehen. Ganz Bequeme wählen auch heute noch auf der Lahn eine andere
Beförderung: Sie lassen sich auf einem Floß den Fluss hinab treiben.
Gaudi und Gemütlichkeit sind dabei garantiert. Auch wir beschließen,
demnächst so eine Gaudi mit zu machen.
Gerd Krauskopf
Infos:
Anreise nach Diez:
Mit der modernen Lahntalbahn von Koblenz nach Diez.
Mit dem Wagen über die Autobahn 3 bis Abfahrt Diez.
Kanus verleiht:
Wassersport Danner, Kanalstraße 10a, 65582 Diez,
Telefon: 06432/81389
Floßfahrten:
Zu buchen bei der Touristeninformation Weilburg vom 1. Mai an bis Mitte/Ende Oktober (je nach Wetterlage).
Telefon: 06471/7671
Übernachtungstip:

Wir haben stilvoll gewohnt und köstlich gespeist im Hotel Villa Oranien in Diez.
http://www.villa-oranien.de/
Weitere Infos:
unter Lahn-Taunus-Touristik
http://www.lahn-taunus.de/
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